Aus dem SVG-Archiv / SELECTED VINTAGE GUITARS

Thumb und Jagard: Akustikgitarren und die Geschichte der Terada-Fabrik

Akustikgitarren und die Geschichte der Marken, die mit den Werkstätten von Terada verbunden sind.

Terada, Thumb und Jagard

Während Marken wie Yamaha oder K. Yairi zu Recht internationalen Ruhm erlangt haben, brachte die goldene Ära des japanischen Gitarrenbaus der 70er- und 80er-Jahre Dutzende weiterer, weniger bekannter Namen hervor, die heute für Sammler und Musiker ein faszinierendes Suchgebiet darstellen. Viele dieser Marken waren keine eigenständigen Unternehmen, sondern „Hausmarken“ (engl. in-house brands) großer Fabriken, die für den heimischen Markt geschaffen wurden. Um ihre Geschichte zu verstehen, muss man tief in das komplizierte, aber äußerst leistungsfähige Produktionsnetzwerk des OEM-Modells (Original Equipment Manufacturer) eintauchen, das die japanische Gitarrenindustrie geprägt hat.

Im Herzen dieses Netzwerks stand die Fabrik Terada – einer der ältesten und angesehensten Hersteller Japans. Genau aus ihren Werkstätten stammen die Instrumente der Marken Thumb und Jagard. Ihre Geschichte ist untrennbar mit der Geschichte ihres Herstellers, der Fabrik Terada, verbunden und ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie japanisches Handwerk außergewöhnliche Qualität nicht nur unter dem Namen großer, globaler Konzerne bot, sondern auch unter eigenen, lokalen Marken.

Die Fabrik Terada: Der stille Riese aus Nagoya

Die 1912 in Nagoya gegründete Terada Musical Instrument Co., Ltd. ist eine der tragenden Säulen der japanischen Saiteninstrumentenindustrie. Im Gegensatz zu Fabriken wie Fujigen oder Matsumoku, die sich weitgehend auf E-Gitarren konzentrierten, spezialisierte sich Terada von Anfang an auf den Bau hochwertiger Akustik- und Semi-Akustikgitarren.

Ihr Ruf und ihre Meisterschaft in der Holzbearbeitung machten sie zu einem wichtigen Zulieferer für viele der bekanntesten Marken der Welt. Die Liste der Firmen, für die Terada Instrumente fertigte, ist beeindruckend und umfasst Namen wie Morris, Gretsch, Ibanez, Epiphone, Burny und sogar die offiziellen japanischen Linien von Orville by Gibson und C.F. Martin. In der Blütezeit, von den späten 70er- bis zu den frühen 90er-Jahren, produzierte das Unternehmen in drei Werken bis zu 10 000 Gitarren pro Monat.

Neben der Auftragsfertigung stellte Terada jedoch auch Instrumente unter eigenen Marken her, die hauptsächlich für den japanischen Markt bestimmt waren. Zwei der wichtigsten und am meisten geschätzten Hausmarken aus dieser Zeit sind Thumb und Jagard.

Thumb und Jagard: Akustikgitarren und die Geschichte der Terada-Fabrik — Foto aus dem SVG-Archiv

Thumb: Boutique-Handwerk im „Lawsuit“-Stil

Die Marke Thumb erschien in den 70er-Jahren und wurde von der Fabrik Terada bis in die 80er-Jahre hinein produziert. Es war eine klassische Marke der „Lawsuit“-Ära (lawsuit era), die sich auf hochwertige Nachbauten beliebter amerikanischer Gitarren konzentrierte, vor allem von Modellen der Firmen Martin und Gibson.

Thumb-Instrumente galten als Boutique-Produkte, was eine kleinere Produktionsmenge im Vergleich zu den großen Marken bedeutete, jedoch mit enormem Augenmerk auf die Verarbeitungsqualität. Diese Gitarren werden heute dafür geschätzt, dass sie Jahrzehnte in hervorragendem Zustand überstanden haben, was von der Solidität ihrer Konstruktion zeugt.

Merkmale und Qualität

Obwohl Thumb-Gitarren oft Einsteiger- oder Mittelklassemodelle waren, sind sie nach fünf Jahrzehnten gereift und bieten einen vollen, lebendigen Klang, der moderne Instrumente in ähnlicher Preisklasse häufig übertrifft. Zwar hatten viele Modelle laminierte Decken, was ihren Wert in den Augen von Puristen schmälerte, doch die Qualität dieser Laminate war sehr hoch.

Viele höherwertige Modelle, wie etwa die MW-30, zeichneten sich durch schöne Abalone-Verzierungen aus – eine bewusste Anlehnung an die Ästhetik der Luxusmodelle von Martin.

Modellübersicht

Kataloge aus den späten 70er-Jahren zeigen eine breite Palette an Thumb-Modellen, was von den Ambitionen der Marke zeugt. Die Modellbezeichnungen spiegelten oft den Preis in Yen wider, was damals gängige Praxis war – das Modell F-130 war günstiger als die Modelle der 500er- oder 800er-Serie.

  • F-Serie (Folk): Modelle wie die F-130 hatten einen Korpus in 000-Größe (Triple-O), etwas schlanker als eine Standard-Dreadnought, was sie sehr bequem spielbar machte. Obwohl es Einsteigermodelle waren, werden sie heute für ihren gereiften, resonanten Klang geschätzt.

  • W-Serie (Western/Dreadnought): Sie umfasste klassische Dreadnoughts wie die W-200, W-300, W-350 oder W-500. Dies waren originalgetreue Nachbauten von Martin-Gitarren, ideal für Akkordspiel und Flatpicking.

  • GH-Serie (Gibson Hummingbird): Das Modell GH-250HB war eine beliebte und gut gefertigte Kopie der berühmten Gibson Hummingbird, häufig im charakteristischen Cherry-Sunburst-Finish.

  • Höherwertige Modelle: Instrumente wie die MW-30 oder TH-800J boten bessere Materialien (z. B. Zargen und Boden aus Palisander) und reichere Verzierungen, wodurch sie in direkter Konkurrenz zu teureren japanischen Marken standen.

Die Marke bot außerdem Modelle für Linkshänder an, was damals kein Standard war.

Jagard: Vielseitigkeit und Tradition

Wie Thumb war auch Jagard eine Hausmarke der Fabrik Terada, die in den 70er-Jahren produziert wurde. Das Angebot von Jagard war etwas breiter und umfasste nicht nur Akustikgitarren, sondern auch Mandolinen und sogar E-Gitarren. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die heutigen Lap-Steel-Gitarren der Marke Jagard in China hergestellt werden und keinen Bezug zur historischen Produktion von Terada haben. Die Akustikgitarren von Jagard waren, ebenso wie die von Thumb, hochwertige Nachbauten amerikanischer Klassiker.

Modellübersicht

  • JD-Serie (Dreadnought): Modelle wie die JD20 oder JD-80 waren solide gefertigte Dreadnoughts, die auf dem Vintage-Markt bis heute einen guten Ruf genießen.

  • Gibson-Kopien: Auch Jagard fertigte Nachbauten beliebter Gibson-Modelle. Besonders geschätzt wird das Modell GB-300HN, eine originalgetreue Kopie der Gibson Hummingbird.

Thumb und Jagard: Akustikgitarren und die Geschichte der Terada-Fabrik — Foto aus dem SVG-Archiv

Das Vermächtnis der Fabrik Terada

Marken wie Thumb und Jagard mögen nicht allgemein bekannt sein, doch für Kenner japanischer Vintage-Gitarren sind sie etwas Besonderes – ein direkter Einblick in das Handwerk einer der besten Gitarrenfabriken in der Geschichte Japans. Wer eine Thumb- oder Jagard-Gitarre kauft, erwirbt kein Instrument eines anonymen Zulieferers, sondern ein Produkt, das von Anfang bis Ende in den Mauern der Fabrik Terada entstanden ist – mit derselben Sorgfalt in Sachen Qualität, die auch die für die berühmtesten Marken der Welt gefertigten Instrumente auszeichnete.

Heute bieten diese Gitarren ein bemerkenswertes Preis-Leistungs-Verhältnis. Es sind Instrumente mit Seele, gebaut aus über Jahrzehnte gealterten Materialien, die die Geschichte der goldenen Ära des japanischen Gitarrenbaus aus der Perspektive eines ihrer wichtigsten, wenn auch oft unterschätzten Akteure erzählen.

Polnischer Originalartikel ↗