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Blue Bell: Geschichte japanischer Akustikgitarren und ihrer Modelle

Modelle, Bezeichnungen und Konstruktion der Gitarren einer weniger naheliegenden japanischen Marke.

Blue-Bell-Gitarren: eine Bluegrass-Ikone aus der „Lawsuit“-Ära

Die Gitarrenmarke Blue Bell nimmt in der Landschaft der japanischen Gitarrenindustrie der 1970er-Jahre eine besondere Stellung ein. Sie war kein eigenständiges Unternehmen, sondern das Produkt eines bestimmten historischen und kulturellen Moments – der „goldenen Ära“ oder „Ära der Klagen“ (Lawsuit Era), in der japanische Gitarrenbauer die Meisterschaft darin erlangten, klassische amerikanische Akustikgitarrenkonstruktionen nachzubauen und in manchen Fällen sogar zu verbessern.

Blue Bell war eine hochwertige Marke, die in den 1970er-Jahren ausschließlich für den japanischen Inlandsmarkt hergestellt wurde. Diese Tatsache erklärt ihre relative Unbekanntheit im Westen und ihren Status als „Kultklassiker“ unter Kennern. Was Blue Bell von anderen japanischen Herstellern abhob, war eine präzise ausgerichtete Marketingidentität, die stark von amerikanischer Country-, Western- und Bluegrass-Musik inspiriert war. Davon zeugen das charakteristische Logo im Stil eines Saloon-Schriftzugs sowie Werbematerialien, die Cowboys und traditionelle Handwerker zeigten und so ein deutliches „Bluegrass-Thema“ schufen. Auf einem überfüllten Markt voller Kopien von Martin- und Gibson-Gitarren ermöglichte diese thematische Identität der Marke, sich eine eigene Nische zu schaffen und japanische Musiker anzusprechen, die von amerikanischen Musikgenres fasziniert waren. Es ging dabei nicht nur darum, die Konstruktion einer Gitarre zu kopieren, sondern auch darum, ihre kulturelle Identität für den Inlandsmarkt zu adaptieren – ein raffinierterer Ansatz als bloßes Nachbauen.

Die Marke Blue Bell existierte im breiteren Kontext des japanischen Gitarrenbooms der 1970er-Jahre. Diese Zeit war geprägt von der Herstellung hochwertiger Repliken amerikanischer Modelle (etwa von Martin oder Gibson) zu einer Zeit, in der die Qualität mancher amerikanischer Instrumente als rückläufig wahrgenommen wurde. Das Verständnis dieses historischen Hintergrunds ist entscheidend, um zu begreifen, warum Marken wie Blue Bell entstanden und warum sie heute so geschätzt werden.

Ein grundlegender Aspekt für das Verständnis der Marke Blue Bell ist das komplexe Produktionsmodell, das auf Aufträgen an externe Hersteller (OEM) beruhte. Blue-Bell-Gitarren entstanden nicht in einer einzigen, eigens dafür vorgesehenen Fabrik. Sie waren das Ergebnis der Arbeit mehrerer der angesehensten japanischen Werkstätten jener Zeit, darunter Tama, Suzuki und Fujigen. Diese Vielfalt an Herstellern ist der Schlüssel zum Verständnis der Unterschiede in Qualität und Konstruktion der einzelnen Modelle, die im weiteren Verlauf dieses Berichts ausführlich erörtert werden.

Unternehmenswurzeln – die Verbindungen zu Hoshino Gakki

Um die Geschichte von Blue Bell vollständig zu verstehen, muss man ihre Unternehmensverbindungen nachverfolgen, die zu einem der größten japanischen Musikinstrumentenkonzerne führen: Hoshino Gakki. Genau innerhalb dieser Struktur entstand die Zwei-Marken-Strategie, die die Präsenz dieser Instrumente auf dem Welt- und dem Inlandsmarkt prägte.

Blue-Bell-Gitarren wurden von der Firma Seisakusho hergestellt, die 1962 in der Präfektur Aichi als Teil des Hoshino-Gakki-Konzerns gegründet wurde – desselben Konzerns, dem die weltberühmte Marke Ibanez gehört. Ein zentrales Element der Geschäftsstrategie von Hoshino Gakki war die Marktsegmentierung. Dieselbe Gitarrenlinie wurde unter zwei verschiedenen Namen verkauft: als Blue Bell auf dem japanischen Inlandsmarkt und als TAMA auf den Exportmärkten, vor allem im Westen. Dies ist eine äußerst wichtige Unterscheidung für Sammler und Enthusiasten, die die Herkunft dieser Instrumente nachvollziehen wollen.

Der Einsatz zweier Marken war eine bewusste Geschäftsentscheidung. Hoshino Gakki baute seine internationale Stellung bereits über die Marke Ibanez auf. Die Trennung der Marken ermöglichte es dem Unternehmen, das Marketing an unterschiedliche Regionen anzupassen und eine Schwächung der Hauptmarke oder Verwirrung um sie zu vermeiden. Auf dem anspruchsvollen japanischen Markt setzte man eine neue, kulturell ausgerichtete Marke (Blue Bell) ein, während für den Export ein neutralerer, japanisch klingender Name (TAMA) gewählt wurde. Diese Strategie schützte die Hauptmarke Ibanez davor, in der heiklen „Ära der Klagen“ direkt mit der Herstellung hochwertiger Kopien von Martin-Gitarren in Verbindung gebracht zu werden.

Der Name TAMA selbst hat seine Wurzeln in der Geschichte der Gründerfamilie. Er wurde vom Gründer von Hoshino Gakki, Yoshitaro Hoshino, zu Ehren seiner Frau Tama Hoshino geschaffen. Auch wenn TAMA heute weltweit vor allem durch die Herstellung von Schlagzeugen bekannt ist, bilden ihre Anfänge in der Fertigung hochwertiger Akustikgitarren ein zentrales Element der Geschichte der Marke Blue Bell.

Ein Netzwerk von Werkstätten – die Hersteller hinter der Marke Blue Bell

Das Produktionsmodell von Blue Bell war dezentral und beruhte auf Aufträgen an verschiedene, spezialisierte Fabriken. Gerade die Herkunftsfabrik, die häufig auf dem Zettel im Inneren des Korpus angegeben ist, ist der Schlüssel zum Verständnis der Qualität und der Spezifikationen eines bestimmten Exemplars. Dieses System lässt sich als hierarchisch beschreiben, wobei die einzelnen Werkstätten für die Herstellung von Modellen unterschiedlicher Preisklassen zuständig waren.

Die TAMA-Fabrik (Seisakusho): die Premium-Werkstatt

Die Hauptfabrik von Tama in Aichi, die zu Hoshino Gakki gehörte, war für die Herstellung der hochwertigsten Blue-Bell-Modelle verantwortlich. Diese Instrumente wurden von einer kleinen Gruppe von Elite-Gitarrenbauern in Handarbeit gefertigt und zeichneten sich häufig durch eine Vollmassivbauweise (all-solid-wood) aus, was sie als Instrumente professioneller Klasse positionierte. Diese Gitarren, die im Export als TAMA und in Japan als Blue Bell verkauft wurden, stellten den Höhepunkt der Fertigungsmöglichkeiten des Unternehmens dar und gelten bis heute als einige der besten japanischen Akustikgitarren jener Epoche.

Suzuki Violin Company: Qualität in der Mittelklasse

Ein erheblicher Teil der Blue-Bell-Modelle der mittleren Preisklasse, etwa die beliebte BW-400, wurde von der Suzuki Violin Company hergestellt. Die Firma Suzuki, einer der ältesten und angesehensten japanischen Instrumentenhersteller, brachte ihre umfangreiche Erfahrung und ihren Ruf für solide Verarbeitung in die Zusammenarbeit ein. Die von Suzuki gefertigten Blue-Bell-Gitarren zeichneten sich durch ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis und eine solide Konstruktion aus, was dazu beitrug, den guten Ruf der Marke zu festigen.

Fujigen Gakki: Verbindungen zur „Ära der Klagen“

Die Fabrik Fujigen, bekannt für die Herstellung von Instrumenten für viele führende Marken, darunter Ibanez und Greco, war ebenfalls an der Produktion einiger Blue-Bell-Modelle beteiligt, etwa der W-350 und bestimmter Versionen der W-400. Entscheidend ist hier die enge Verbindung zwischen den von Fujigen gefertigten Blue-Bell-Gitarren und den Instrumenten der Marke Greco aus derselben Zeit. Fujigen war der Hauptproduzent für Greco, was die zahlreichen Ähnlichkeiten bei den Spezifikationen, den verwendeten Komponenten (z. B. Mechaniken der Marke Greco) und der allgemeinen Konstruktionsphilosophie erklärt.

Das Verständnis dieses Produktionsmodells mit mehreren Fabriken ist grundlegend. Der Markenname „Blue Bell“ an sich ist kein einheitlicher Qualitätsindikator. Der wahre Maßstab für den Wert eines Instruments ist seine Fabrikherkunft. Eine von Tama gefertigte Blue Bell ist ein Instrument einer völlig anderen Klasse als ein von Suzuki oder Fujigen hergestelltes Modell. Sammler und Enthusiasten müssen zunächst den Hersteller identifizieren, um die Stellung der Gitarre in der Produkthierarchie, die verwendeten Materialien und die wahrscheinliche Verarbeitungsqualität richtig einschätzen zu können.

Blue Bell: Geschichte japanischer Akustikgitarren und ihrer Modelle — Foto aus dem SVG-Archiv
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Blue-Bell-Modelle – Profil der wichtigsten Instrumente

Die Blue-Bell-Gitarrenlinie war vielfältig und spiegelte die im vorigen Kapitel beschriebene Produktionshierarchie wider. Die folgende Tabelle bietet einen Vergleich der wichtigsten Modelle, gefolgt von einer ausführlichen Beschreibung jedes einzelnen.

Tabelle: Profil der wichtigsten Blue-Bell-Gitarrenmodelle

Modellnummer Bekannter Hersteller Produktionsjahre Vorbild / Stil Wesentliche Konstruktion und Materialien
W-1000 Tama ca. 1978 Martin D-28 Massive deutsche Fichte, massiver Ostindischer Palisander (Vollmassivbauweise)
W-800 Tama ca. 1975 Martin D-28 Massive Fichte, massiver Ostindischer Palisander (Vollmassivbauweise)
W-400 Suzuki / Fujigen ca. 1974-1979 Martin D-28/D-35 / Gallagher Doc Watson Massive Fichte, laminierter Palisander (Typ „Double Plate“)
W-350 Fujigen ca. 1975 Martin D-28 Massive Fichte, laminierter Palisander
W-200 Suzuki 1970er-Jahre Martin Dreadnought Fichte, Palisander
F-Serie Fujigen 1970er-Jahre Martin 000 Unterschiedlich, überwiegend Laminat

Von TAMA gefertigte Premium-Modelle (die „All Solid“-Linie)

Die Spitzenmodelle im Blue-Bell-Programm, gefertigt in der Tama-Fabrik, waren Instrumente meisterlicher Klasse, vollständig aus Massivholz gebaut, und stellten eine direkte Konkurrenz zu den besten amerikanischen Gitarren dar.

  • Blue Bell W-1000: Dies war das Flaggschiffmodell, eine Replik der Martin D-28. Es zeichnete sich durch eine Vollmassivbauweise aus: eine Decke aus massiver deutscher Fichte sowie Zargen und Boden aus massivem Ostindischem Palisander. Der Hals bestand aus einem einzigen Stück Mahagoni, Griffbrett und Steg aus Ebenholz. Verziert war das Instrument mit einer Fischgrät-Einfassung (Herringbone) sowie Griffbretteinlagen in Form von Schneeflocken. Bemerkenswert ist, dass dieses Modell – ebenso wie seine historischen Vorbilder von Martin – keinen Halsspannstab besaß.

  • Blue Bell W-800: Ein weiteres Spitzenmodell, ebenfalls von der Tama-Fabrik vollständig aus Massivholz gefertigt. Es besaß eine massive Fichtendecke sowie Zargen und Boden aus massivem Palisander. Luxuriöse Verzierungen wie die Fischgrät-Einfassung und die Schneeflocken-Griffbretteinlagen unterstrichen seinen hohen Stellenwert im Programm der Marke.

Blue Bell: Geschichte japanischer Akustikgitarren und ihrer Modelle — Foto aus dem SVG-Archiv

Von Fujigen und Suzuki gefertigte Modelle (hochwertige Laminate)

Modelle der mittleren und gehobenen mittleren Preisklasse kombinierten häufig eine massive Decke mit laminierten Zargen und laminiertem Boden. Es muss jedoch betont werden, dass die japanische Laminiertechnik jener Zeit, bekannt als „Double Plate“, außergewöhnlich war. Dabei wurden zwei Lagen Massivholz miteinander verleimt, was Stabilität und Rissfestigkeit ergab und zugleich Resonanzeigenschaften bewahrte, die denen von Massivholz nahekamen.

  • Blue Bell W-400: Zwei Fabriken, zwei Modelle: Die W-400 ist ein hervorragendes Beispiel für die komplexe Fertigungsgeschichte der Marke, denn es gab mindestens zwei Versionen von ihr, die in verschiedenen Fabriken gebaut wurden:

    • Suzuki-Version (BW-400): Dies war ein Nachbau im Stil der Martin D-28/D-35 mit massiver Fichtendecke, dreiteiligem Boden aus Ostindischem Palisander und dem charakteristischen „SALOON“-Logo.

    • Fujigen-Version (W-400): Dieses Modell war ein Nachbau der Gallagher „Doc Watson“. Sie hatte Griffbretteinlagen in Schneeflockenform und war oft mit Mechaniken der Marke Greco ausgestattet, was einmal mehr die engen Fertigungsverbindungen zwischen der Fabrik Fujigen und der Marke Greco unterstreicht.

  • Blue Bell W-350: Dieses von Fujigen gefertigte Modell war eine Kopie der Martin D-28. Es hatte eine massive Decke und wies zahlreiche Ähnlichkeiten mit den Greco-Akustikgitarren aus der Mitte der 70er-Jahre auf.

  • Blue Bell W-200: Dieses von Suzuki gebaute Modell hatte eine Fichtendecke, einen Korpus aus Palisander und einen Hals mit dezentem „V“-Profil.

  • F-Serie: Neben den Dreadnought-Modellen (W-Serie) bot Blue Bell auch Gitarren mit kleinerem Korpus im Stil der Martin 000 an, die mit dem Buchstaben „F“ bezeichnet wurden. Die F-200 hatte einen Korpus aus Laminat, während die F-300 ein Modell mit massiver Decke war.

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Das Vermächtnis von Blue Bell und TAMA

Die Produktionszeit der Gitarren von Blue Bell und TAMA war relativ kurz, aber intensiv. Sie endete Ende der 70er-Jahre – nicht wegen nachlassender Qualität oder mangelnder Nachfrage, sondern infolge einer strategischen Unternehmensentscheidung, die die Landschaft der japanischen Gitarrenindustrie für immer veränderte.

Die Produktion von Gitarren unter den Marken TAMA und Blue Bell wurde um 1979 eingestellt. Hauptgrund für diese Entscheidung war ein Strategiewechsel der Muttergesellschaft Hoshino Gakki. Die Unternehmensleitung erkannte das enorme Potenzial und das in der Tama-Fabrik angesammelte Know-how. Statt eine zweitrangige Boutique-Linie weiterzuentwickeln, beschloss man, diese Ressourcen – Vorräte an hochwertigem Tonholz, qualifizierte Gitarrenbauer und moderne Produktionsanlagen – zur Stärkung der eigenen internationalen Flaggschiffmarke Ibanez einzusetzen.

So entstand die neue, prestigeträchtige Ibanez-Serie „Artwood“. Die Fabrik, die Mitarbeiter und die Materialien, die zuvor die legendären Gitarren von Blue Bell und TAMA hervorgebracht hatten, wurden vollständig auf die Fertigung dieser neuen Linie umgestellt, wodurch Ibanez auf dem globalen Markt für Spitzen-Akustikgitarren erfolgreich konkurrieren konnte. Das Ende der Produktion von Blue Bell/TAMA war also kein Zeichen des Scheiterns, sondern eine strategische Aufwertung der Fertigungsressourcen zugunsten der Hauptmarke des Konzerns.

Das Vermächtnis von Blue Bell ist zweifach. Einerseits ist es die Geschichte einer kurzlebigen Marke, die zu ihrer Zeit jedoch ein außergewöhnlich hohes Qualitätsniveau erreichte. Andererseits macht ihre relative Unbekanntheit im Westen, die daher rührt, dass sie eine für den Inlandsmarkt bestimmte Marke war, in Verbindung mit der legendären Qualität der Tama-Fabrik und ihrer Verankerung in der „goldenen Ära“ des japanischen Gitarrenbaus sie heute bei kundigen Sammlern äußerst begehrt. Blue-Bell-Gitarren bleiben ein greifbarer Beleg für die Meisterschaft japanischer Handwerker und ein faszinierendes Kapitel in der Geschichte der Akustikgitarre.

Polnischer Originalartikel ↗