Ratgeber / SELECTED VINTAGE GUITARS
Morris: japanische Akustikgitarren-Tradition. Die Modelle F-18 und W-28
Die Geschichte der Marke von Toshio Moridaira, amerikanische Vorbilder und zwei Beispiele aus dem Morris-Archiv. Was man vor der Wahl einer japanischen Vintage-Akustikgitarre wissen sollte.

Morris und die Tradition des Gitarrenbaus in Nagano
Morris steht für die akustische Richtung des japanischen Gitarrenbaus, die in der Region Nagano gepflegt wurde. In der Geschichte der Marke spielte das Interesse an amerikanischen Instrumenten eine wichtige Rolle. Ihr Gründer, Toshio Moridaira, war im Vertrieb von Fender- und Gibson-Gitarren tätig und besuchte 1964 das Gibson-Werk in Kalamazoo. Nach Darstellung des Unternehmens erhielt er genau dort den Spitznamen „Mori“, von dem sich der Name Morris ableitet.
Die Marke wurde 1967 gegründet. Das frühe Angebot umfasste Gitarren, die an Dreadnoughts und Small-Jumbo-Modelle von Martin und Gibson angelehnt waren. Morris baute also eine eigene Produktion auf und orientierte sich dabei an bekannten Vorbildern der amerikanischen Akustikgitarre.
Morris – Geschichte der Marke und Toshio Moridaira ↗
Zur Quelle: Die Angaben zum Gründer und zur Herkunft des Namens beruhen auf einer vom Unternehmen selbst veröffentlichten Darstellung.
Von traditionellen Akustikgitarren zu Elektroakustik-Modellen
1974 präsentierte Morris seine Instrumente auf der NAMM-Messe, und 1978 führte das Unternehmen die elektroakustische Tornado-Serie mit flachem Korpus ein, die von Lösungen von Ovation inspiriert war. Später baute die Firma zudem ihr Angebot an Gitarren für Fingerstyle aus, also für das Spiel mit den Fingern.
Morris – Entwicklung des Angebots und die Tornado-Serie ↗
F-18: 630 mm Mensur und traditionelle Materialien
Das Archivdatenblatt der F-18 nennt eine Fichtendecke, einen Hals aus Nato sowie Griffbrett und Steg aus Palisander. Die Mensur, also die schwingende Saitenlänge zwischen Sattel und Steg, beträgt 630 mm. Zur werkseitigen Ausstattung zählen gekapselte Mechaniken sowie Sattel und Stegeinlage aus Kunststoff.
Für Boden und Zargen nennt der Hersteller zwei Möglichkeiten: ein mit der japanischen Bezeichnung トーグ beschriebenes Holz oder Palisander. Das Archiv erläutert die erste Bezeichnung nicht näher. Es klärt auch nicht, ob die Fichtendecke massiv oder laminiert war. Diese Merkmale müssen am jeweiligen Instrument überprüft werden.
Morris – archivierte Spezifikation der F-18 ↗
Zur Quelle: Das Datenblatt nennt Materialien und Ausstattung des Modells. Die im Archiv erhaltene Fassung ordnet nicht alle Angaben einem einzigen Baujahr zu.
W-28: Dreadnought aus dem Katalog für 1979
Die W-28 hat einen Dreadnought-Korpus ohne Cutaway, das den Zugang zu den höchsten Bünden erleichtern würde. Die Spezifikation nennt eine Fichtendecke, einen Nato-Hals, Griffbrett und Steg aus Palisander sowie Schaller-Mechaniken. Boden und Zargen aus Palisander werden Exemplaren aus den Jahren 1978–1979 zugeordnet.
Das ist eine genauere Angabe als die allgemeine Bezeichnung „Morris aus den 70ern“. Sie verweist auf eine konkrete Instrumentenfamilie, eine Ausstattung und einen Zeitraum. Erhaltene Mechaniken, Kennzeichnungen und die Korpuskonstruktion lassen sich bei der Begutachtung der Gitarre mit dieser Dokumentation vergleichen.
Morris – W-28, Angaben aus dem Katalog für 1979 ↗
Zur Quelle: Der Hersteller nennt den Katalog für 1979 als Grundlage der Beschreibung und weist darauf hin, dass sich die Ausstattung in den folgenden Jahren änderte.
Wie man das Morris-Archiv nutzt
Das Unternehmen weist darauf hin, dass sein Online-Archiv nicht alle früheren Gitarren umfasst und dieselbe Bezeichnung in verschiedenen Zeiträumen für unterschiedliche Instrumente verwendet worden sein kann. Bei der Identifizierung sollten wir die vollständige Modellbezeichnung notieren, das Etikett fotografieren und die Details mit dem passenden Datenblatt oder Katalog vergleichen.
Morris – Hinweise zur Nutzung des Modellarchivs ↗
Zur Quelle: Der Hinweis auf Änderungen der Spezifikationen stammt direkt vom Hersteller, deshalb berücksichtigen wir ihn bei der Beschreibung von Vintage-Gitarren.
Unsere Sicht: eine Akustikgitarre zum Spielen, nicht nur zum Sammeln
Eine ältere Morris kann eine sehr gute Alternative zu einer neuen Akustikgitarre für einen ähnlichen Einsatzzweck sein. Es lohnt sich, nach einem Exemplar zu suchen, das bei der eigenen Spielweise durch Bespielbarkeit und Klang überzeugt: bei der Begleitung, beim Spiel mit dem Plektrum oder beim Fingerpicking. Die amerikanischen Vorbilder gehören zur Geschichte der Marke, bedeuten aber nicht, dass jedes Modell wie eine bestimmte Martin oder Gibson klingt.
